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Evangelische
STIFTSKIRCHENGEMEINDE   DIEZ

"Wir schaffen das..."

Bericht vom Pilgern in Frankreich, Sommer 2016


Der in seiner Tragweite nicht vorhersehbare und oftmals wiederholte Kernsatz deutscher Spitzenpolitik war vielleicht auch in den Hinterköpfen des wackeren Dutzend Pilger der Diezer Stiftskirchengemeinde vorhanden, als sie am 11. August nach Frankreich in die Weinbauregion Burgund aufbrachen. Der "Ehrenpilger", leider nicht mit von der Partie, hatte als Wetterexperte zwar schon früh vor hochsommerlichen Temperaturen gewarnt, die sich erst gegen Mitte August erträglicher gestalten sollten. Aber uns war nicht bange, als wir am Nachmittag an der Kathedrale von Dijon (bekannt für Senf und Cassis–Johannisbeersaft) ankamen und uns sofort ein "panaché" (Radler) gönnten.


Ein erster Willkommensgruß in Frankreich wurde von einigen Pilgerinnen auf der Toilettenanlage eines Rastplatzes nicht erwidert (ein schlichtes Loch im Boden!!). Den Rucksack auf den Buckel, durch ein Industriegebiet gelangten wir mitten in das Weinanbaugebiet, wo einer der teuersten Rotweine weltweit angebaut wird, gekeltert aus der Traube Pinot Noir. Es war schon fast eine Ehre, entlang der Spitzenlagen "Grand Cru" (die Flasche nicht unter 100 €) unterwegs zu sein. Alte Weinstöcke werden aufwendig mit hoch aufragenden Spezialmaschinen gepflegt. Die heute gängigen Bewertungssysteme mit Punkten oder das Plakatieren der Etiketten mit Auszeichnungen findet man nicht; das hat man einfach nicht nötig. Entsprechend hochherrschaftlich sind die Weingüter und die Ortschaften (teils aus dem 12. Jahrhundert) in allerbestem Zustand. Einmal kam ein offener Ferrari mit deutschem Kennzeichen aus einem Edel-Weingut gefahren, wahrscheinlich mit einer wertvollen Ladung exquisiter Tropfen an Bord. Nachteil für uns Pilger: Unterwegs-Bars wie in Spanien: Fehlanzeige. Hierfür gibt es keinen Markt. Vielleicht ist auch der Alternativweg über Vézélay besser frequentiert?

Guter Wein braucht viel Sonne, Pilger weniger, wenn es mit Temperaturen über 30° ohne Schatten dahingeht. Guter Wein braucht einen steinigen Boden, der die Hitze speichert. Pilger weniger, wenn auch ihr Weg sehr steinig ist. Und so bleibt auch der erste Sturz auf Stolpersteinen nicht aus, sofort liebevoll behandelt mit Teebaumöl.


Ein Hund gesellt sind zur Gruppe und begleitet uns den ganzen Tag bis ins Hotel. Er lässt sich nicht fangen und macht uns ratlos. Erst am Abend wird das treue Tier von seinem Eigentümer wieder abgeholt. Wir aber genießen ein Mehrgangmenü und einen edlen Tropfen in erschwinglicher Preislage. Als Aperitif gibt es vorab häufig einen "Kir" (Cassis mit Wein/Sekt). Die Zimmer sind sehr unterschiedlich, wenn Doppelbett, dann oftmals typisch französisch: Eine Matratze, Decke fest darunter eingeklemmt. Die Männer der Truppe - von einer Ausnahme abgesehen - alle um oder über 1.90 m groß, müssen erstmal für ihre deutschen "Latten" Platz schaffen und für Freiheit sorgen. Übrigens: Der wie ein Franzose gewachsene "Kleine" ist doch auch ein ganz, ganz Großer, nicht nur durch seine phantastischen Fotos, die das hier Geschriebene würzen.

Der schon gleich zu Anfang gestrauchelte Oldie setzt sich bei einer Mittagsrast auf einen bejahrten Plastikstuhl, lehnt sich zurück und die ganze Lehne bricht ab. Katzengleich elegant habe er sich abgerollt, sagen die Damen, was ihm sehr schmeichelt. Die ersten Blasen bilden sich an den Füßen und die Fußsohlen brennen in den Wanderschuhen. Sonnenallergien belasten manches Pilgerbein. Die Wundversorgung muss als professionell bezeichnet werden. Kein Wunder, wir sind ja auch schon seit 9 Jahren "on tour". Am Samstagabend sind wir im reizenden Städtchen Beaune angekommen. Es ist ein wundervoller Sommerabend und wir genießen das rege Treiben. Zwei Gebäude werden bezaubernd illuminiert.


Ein "ALDI" lädt zur Rucksackauffüllung ein. Die Hitze nimmt weiter zu und fast alle Kirchen sind verschlossen. Die täglichen Impulse finden deshalb im Freien statt. Der Pilgerbus gerät auf einer abendlichen Rückholtour in eine Kontrolle mit allem Drum und Dran. Bewaffnete Polizisten und Drogenhunde beschäftigen sich eingehend mit der Ladung und werden – dem Herrgott sei Dank – nicht fündig. Fahrerin und Beifahrer erzählen aufgeregt und kreidebleich von ihrem Erlebnis. Kurz vor dem nächsten Etappenziel kommt es auf einer schattigen Wiese zu einem sehr berührenden Impuls, bei dem an die vielen Mitpilger erinnert wird, die diesmal nicht mit dabei sein konnten. Im Anschluss daran wird in einer gegenüberliegenden Bar 12 panaché besorgt und die Wirtin kommt mit dem Fotoapparat angerannt: " Sowas habe sie noch nie erlebt."

Am 15. August ist Feiertag (Maria Himmelfahrt). Alle Geschäfte sind – für uns völlig überraschend – geschlossen. Aber ab heute soll es ja nicht mehr so heiß sein (?!). Von der Weingegend geht es langsam in hügeligere und von der Landwirtschaft geprägte Gegenden. Die Wegfindung ist nicht immer einfach und die Temperaturen steigen. Die in den Rucksäcken gebunkerten Wasservorräte nehmen ab und ein extrem steiler Geröllweg gibt uns bergan den Rest. Von den Höhen blicken nun immer häufiger steinerne Madonnen auf die Ortschaften. Ein wohlgeformter Athlet gibt uns Tipps für den weiteren Weg und wir ziehen an vielen Gärten vorbei, wo sich in Schwimmbädern wohlgelaunte Menschen erfrischen. Leider werden wir nicht eingeladen. Statt dessen dürfen wir unsere Getränkevorräte am "Hähnchen" auffüllen. Einmal bekommen wir aber auch Quellwasser und eine Flasche Wein.


"Sind schon etwas verrückt, die Deutschen", denkt vielleicht manch ein Franzose. Und dann unterwegs noch die ständigen Schilder: "Sauf service" (deutsch.: gesperrt, außer für Dienstfahrzeuge). Und wir, wir haben so einen Durst...

Wir begegnen zwei jungen Frauen aus Kassel, die als eiserne Ration eine "Ahle Worscht" aus Nordhessen dabei haben (geniale Idee) und die mit uns zusammen in einem Schwesternheim übernachten. Dort gibt es Ravioli mit Reis und Spinat, danach eine Spitzen Pflaumen-Tarte. Männer haben Einzelzimmer; die Frauen schlafen alle zusammen und haben nur eine Dusche(!?).


Nach anstrengender Tagesetappe werden wir mit einer Bleibe gegenüber einem Schloss belohnt und wir essen auf einer Außenterrasse zu Abend. Einer bestellt als regionale Spezialität "Andouillette" mit Senfsauce (eine Wurst aus dem Darm und dem Magen von Kälbern, Kühen und Enten). Interessant, aber nicht jedermanns Sache.

Über die alte Bahntrasse geht es weiter nach Taizé, dem internationalen Männerorden, der vor allen Dingen durch die ständig dort ausgerichteten Treffen für die Jugend aus aller Welt berühmt geworden ist. Der Gründer, Frère Roger, wurde 2005 während des Gebetes von einer geistig verwirrten Frau mit einem Messer umgebracht. Wir besuchten sowohl ein sehr berührendes Mittagsgebet in der riesigen Kirche mit ergreifenden Gesängen und Gebeten als auch das Grab des Gründers und blickten in viele glückliche Gesichter meist junger Menschen.


Das Tal beherbergt eine der Hauptverkehrstraßen Richtung Süden. Die Autobahn Luxembourg - Marseille, die Bundesstraße und die TGV-Schnellbahntrasse konzentrieren sich dort mit erheblichem Lärm. Wir erreichen Cluny, im 12. Jahrhundert das größte und einflussreichste Kloster überhaupt. Es sind leider nur noch wenige Gebäude erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden große Teile der Abtei gesprengt und die Steine als Baumaterial weiterverkauft. Nach einer wundervollen Sommernacht in einem Restaurant in der Altstadt veranstalteten hunderte von Staren in zwei Bäumen vor dem Hotel ein Getöse mit Krach und Gestank sondergleichen.

Hügeliger geht es in die Ausläufer des Zentralmassivs. Zum Glück hat es etwas abgekühlt als wir von zwei Französinnen gefragt werden, ob wir nicht auf einen Kaffee zu ihrer Pfadfindergruppe kommen wollten. Wir trafen dort Jugendliche aus dem Raum Paris, die mit einfachen Mitteln ihr Zeltlager aufgebaut hatten. Sie sollten auch Deutsch mit uns sprechen. Nach den üblichen Berührungsängsten singen und musizieren sie und wir beteiligen uns, so gut wir können. Wir wünschen uns sehr, dass dies vielleicht ein ganz klein wenig zu einem geeinten Europa beigetragen hat. Zum Abschied singen wir noch ein "Laudate omnes gentes". Wir glauben, dass diese Begegnung von ganz oben arrangiert war.


Im Quartier angekommen, fehlen zwei Personen - große Aufregung. Suchkommandos werden losgeschickt. Plötzlich kommen sie aus entgegengesetzter Richtung angelaufen. Die Bleibe ist eine vor 11 Jahren umgebaute alte Scheune und wird von einem englischen Ehepaar betrieben, das vorher schon in der ganzen Welt unterwegs war. Die Lady, eine Malerin, kocht hervorragend und ihre Bilder hängen überall.

Edle Pferde stehen am Weg. An zwei Saint-Jacques-Kirchen vorbei gelangen wir in unsere letzte Bleibe, ein Schloss aus dem 18./19. Jahrhundert. Dort feiern wir ein bewegendes Abendmahl mit im Rucksack mitgebrachten Speisen und Getränken. Die Schlossherrin verwöhnt uns zum Abschluss mit einem opulenten französischen Mehrgangmenü und wir schlafen getrost ein, obwohl durch einige Holzdielenritzen das darunter liegende Geschoss zu sehen ist. Als wir heimwärts starten, regnet es Bindfäden und der Gemeindebus zeigt seinen Unmut mit einigen Aussetzern. Er wäre sicher, wie manch einer von uns, gerne noch ein wenig geblieben. Auf dem Highway Richtung Dijon die gleiche Frage wie immer: "Das sind wir alles gelaufen??" Unterwegs überholen wir drei Renntransporter von "torro rosso" auf ihrem Weg zum Großen Preis von Belgien. Große Klasse, im Pilgerbus "Formel 1-Boliden" überholt! Der Alltag hat uns wieder, schade?!


Wir sind unseren Weg gegangen, jeder mit seiner Kraft und seiner Schwachheit. Wir sind unseren Weg gegangen, jeder mit Höhen und Tiefen, mit dem was gelingt und was nicht.

Jeder muss seinen Weg gehen, mit Irrwegen und Umwegen. Und jeder muss umkehren zu sich selbst.


Der Dank aller gilt vor allem den Organisatoren Birgit, Petra, Karl, Marcus und Thomas. Der Dank geht aber auch an alle anderen, die mitgelaufen sind. Die für die Gemeinschaft all ihre persönlichen Beschwernisse zurückgestellt und sich am Gelingen beteiligt haben.

Wir waren, vielleicht öfter als sonst, emotional berührt. Das war gut so und wird diese Pilgertour unvergessen machen. Sie war anders als die vorherigen; das macht sie einmalig und wir werden uns zurückerinnern.


Gott sei uns nahe auf unserem Weg im Alltag und lasse uns in 2017 wieder zusammen losmarschieren (und zwar wieder mit allen, die diesmal nicht dabei sein konnten) unter dem Motto:

"Let´s rock again the Camino"

Bericht: Christian Fuchs     Fotos: Karl Hofstätter


EKHN