2012 Pilgern

Von Trier nach Metz

Den 20 Pilgern unserer Stiftskirchengemeinde war schon etwas mulmig zumute, als man sich am Sonntag, dem 1. Juli, zum Gottesdienst vor der Kirche traf. Schließlich stand diesmal eine 5-Tagestour auf dem Programm. Würde die Kondition ausreichen, sind genügend Blasenpflaster an Bord, ist die Kleidung auf alle Wetterlagen abgestimmt? und viele Fragen mehr stellten sich.
Pfarrer Scheuch segnete und verabschiedete die Pilger mit dem Lied von Paul Gerhardt „Lobet den Herren“ in dem es heißt: „Gib, dass wir heute, Herr durch dein Geleite, auf unsern Wegen unverhindert gehen…“ So wurde am Sonntag die Reise nach Trier angetreten.
Am Montagmorgen in aller „Herrgottsfrüh“ wurde gefrühstückt und das Lunchpaket eingepackt. Hier zeigte sich die professionelle Einstellung der Pilger, harte Eier wurden gepellt und vom Obst die Aufkleber entfernt, schließlich musste jedes Gramm fortan geschleppt werden. Es begann flach an der Mosel entlang und die Kleidung musste ständig dem wechselhaften Wetter angepasst werden.
Als es steil bergan zu einer römischgallischen Tempelanlage ging, entdeckte ein umtriebiger Mitpilger gleich die Statue eines unbekleideten römischen Götterboten. Das Interesse war wegen der bisherigen körperlichen Anstrengungen eher gering. Eine Mitpilgerin hatte bereits ihren Pilgerstock liegen lassen, weitere 3 Verluste sollten folgen.

Für den ersten Tag war die Strecke doch recht anspruchsvoll und lang, so dass alle froh waren, das Ziel „Die (Pilger-)
Herberge“ in Merzkirchen am späten Nachmittag erreicht zu haben. Wir befanden uns noch in Rheinland-Pfalz, doch die Herbergsmutter Mary Hemmerling verströmte mit ihrer Freundlichkeit und ihrem Charme schon etwas französisches Flair. Zum wunderbaren Abendessen wurde eine weitere Spezialität der Gegend serviert, ein Apfelwein/Cidre-Getränk namens „Viez“.
Die einen schliefen so, die anderen so. Erste Wehwehchen mussten versorgt werden. Eine Pilgerin behinderte am Fuß eine geschwollene Ader. Mary half sofort mit einem nassen Lappen zur Kühlung, „mit dem putze mir sonst das Klo.“ Das Frühstück war opulent und Mary zeigte uns zum Abschied noch stolz ihren Rasenmähhundroboter namens Erwin. Wir machten uns auf den Weg nach Perl, vorbei an Rapsfeldern, die nach Morgennebeln aussahen wie Baumwollfelder in Alabama, USA. Der Etappenort Perl liegt im Saarland und gilt als einzige Moselwein anbauende Saargemeinde. Da war jedem Pilger klar, wo der „Perlwein“ herkommt. Wir bezogen ein kleines und feines Hotel.
Erste Waschaktionen fanden statt und im Hinterhof hingen Pilgerhemden an der Leine. Beim Abendessen wurde vor der nächsten Etappe gewarnt, der „Königsetappe“.
Eine ortsansässige Bäckerei versorgte uns mit phantastisch belegten Brötchen. Kurz hinter dem „3-Länderblick“ (Deutschland, Frankreich, Luxembourg) ging es hinein nach Frankreich. Nach der Grenzstadt Apach folgte ein gnadenloser Anstieg und wir kamen auf eine Hochebene, wo im 1. Weltkrieg erbitterte Kämpfe stattfanden. Wir überquerten in friedlicher Absicht die „Maginot-Linie“ (franz. Grenzbefestigung 1930-40) und kamen in einen winzigen Ort mit 60 Einwohnern. Vor der verschlossenen Tür einer kleinen Kirche machten wir Rast. Der Umtriebige kam nach einer 3⁄4 Std. mit einem älteren Franzosen samt Schlüssel an. In der Kirche hielten wir eine Andacht und sangen Lieder. Der Franzose saß andächtig dabei und erzählte uns, dass die Gemeinde seit längerem keinen
Pfarrer mehr habe und dieses Jahr überhaupt noch nicht geöffnet war, auch aus Anlass der Kirmes im Juni nicht. Alle waren sich der Ehre bewusst, die uns Pilgern zuteil wurde.
Der Pfad wurde immer unwegsamer und anstrengender, manch einer kam an seine Grenzen. Totale Erschöpfung bei allen. Alle waren froh, als wir endlich unser Hotel in Kédange erreichten. Manch einer wird sich vor dem Einschlafen gedacht haben: „Gott sei Dank, dass wir uns heute nicht verlaufen haben.“

Am nächsten Tag ging es wieder schnurstracks zum Bäcker (jetzt: boulanger), um Reiseproviant aufzunehmen. Der Weg führte uns durch Getreidefelder, durch kleine Orte mit bunten Bauerngärten und eine wohltuende Ruhe umgab uns. Der Pfad wurde zunehmend schlammiger, mancher Pilger kam ins Straucheln.
Total fertig erreichten wir in Vigy unser Ziel. Es erwartete uns ein 2-Sterne-Hotel, das jeder Beschreibung spottete. Bei der Vorfahrt noch recht ansehnlich (weil ein Zimmer im renovierten Haupthaus gezeigt wurde), logierte man die deutsche Pilgertruppe in einer abseits gelegenen „dependance“ ein und die war in Worten nicht zu beschreiben und nur mit viel Humor zu ertragen. Einer bemerkte, dass die Räumlichkeiten „wohl schon im 1. Weltkrieg als Lazarett für die franz. Armee genutzt wurden und seitdem unverändert geblieben seien.“
Der letzte Pilgertag führte nach der üblichen Stürmung einer Bäckerei wieder durch weite Getreidefelder und schattige Wälder. Verschlammte Wege ließen auch nicht lange auf sich warten und wir kamen an einer Pilgerstätte vorbei, die den Marienwallfahrtsorten „Notre Dame de Salette“ und „Fàtima“ gewidmet war.
Das Wetter war besser als die Vorhersage und in der Ferne konnte man schon Metz erahnen. Als wir die Autobahn dorthin überquerten wurden wir von hupenden Autound LKW-Fahrern aufmunternd begrüßt.

In Metz angekommen steuerten wir sofort die Kathedrale an. In dem 42 Meter hohen
Gotteshaus war es seltsam ruhig. Nicht weit weg war ein Etappenziel der diesjährigen „Tour de France“ und alle Franzosen mussten mit dabei sein. Die Hubschrauber, die die Spitzenreiter begleiteten, waren immer deutlicher zu hören. Wir umarmten uns alle und dankten Gott für das Erreichte. Der Küster gestattete uns, ein Abendmahl in der ansonsten verschlossenen Krypta einzunehmen. Das Brot und der Wein kam aus unseren Rucksäcken.
Am Abend bezogen wir unsere 6-BettQuartiere in der Jugendherberge am Ufer der „Moselle“. Das Abendessen nahmen
wir an exponierter Stelle direkt neben der Kathedrale im Lokal „le Montechristo“ ein, wobei dem „garcon“ die Schlitzohrigkeit geradezu ins Gesicht geschrieben war. Beide Seiten machten kein Hehl aus ihrer Abneigung. Resultat: Wir durften die Rechnung selbst auseinanderdividieren.
Der Abreisetag stand am Vormittag zur freien Verfügung. Hauptanziehungspunkt war ein lebendiger Markt vor der Kathedrale. Die Vielfalt der dort angebotenen Esswaren überstieg deutsche Vorstellungen. Jeder ging seinen eigenen Bedürfnissen nach, größere Kreise um die Kathedrale wurden zu Fuß oder mit der Touristenbahn
gezogen.
Zur Verabschiedung von Metz trafen sich einige nochmal spontan in der Kathedrale. Unerwartet setzte die Orgel ein und ein virtuoser Organist „zog alle Register“ bei einem Stück von Johann Sebastian Bach. Ein grandioser Abschluss eines einzigartigen Pilgererlebnisses.
Am frühen Nachmittag ging es per Zug über Saarbrücken, Trier, Koblenz zurück nach Diez. Unterwegs füllten sich die Zugabteile und eine Mitreisende beschwerte sich vehement über den Standort eines Pilger-Kaffeebechers über ihrem Sonntagsgewand. Bis ihr Blick auf eine Pilgermuschel am Pilgerrucksack fiel. Sie erkundigte sich, ob wir Jakobspilger seien. Als das bejaht wurde, kehrte die Stimmungslage augenblicklich in Freundlichkeit um.
In Diez angekommen, haben wir uns ein letztes Mal in den Arm genommen und uns in die leuchtenden und feuchten Augen geschaut. In der letzten Woche waren wir zusammen 110 Kilometer gelaufen. Wir haben miteinander gebetet, gesungen und gelacht. Wir haben uns gegenseitig geholfen und unterstützt, wo es ging. Und wir haben manch gutes Gespräch geführt und vielfach Resonanz, oft auch von Franzosen, erfahren.
Wir alle hatten das Gefühl, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben. Wir waren stolz auf uns und unsere Mitpilger. Und wir waren dankbar, dass Gott immer bei uns war und seine schützende Hand über uns gehalten hat.
Ein ganz besonderes Dankeschön geht an Renate, Dieter, Karl und Marcus.
„Buen camino“ – bis zum nächsten Mal.

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