2021 Jakobusweg

in der Lüneburger Heide

Die Pandemielage ließ schon im Jahr 2020 kein Weiterpilgern in Frankreich auf dem Jakobsweg zu, so dass sich 13 wackere Pilger der Diezer Stiftskirchengemeinde entschlossen, dieses Jahr in der Lüneburger Heide ihr Glück zu versuchen. Wir entschieden uns für den Jakobusweg von Soltau bis Wietze. Die vor uns liegenden ca. 160 Km wurden in 8 Etappen aufgeteilt. Nach der Anreise ging es am Montag, den 11.10.21 erwartungsvoll los

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Unterschiedliche Wege, von Sandpassagen über geteerte Asphaltwege erwarteten uns bei überwiegend trockenem Wetter. Es ging vorbei an mächtigen alten Eichen und prächtigen Linden, an Kiefernwäldchen und Wacholdersträuchern, begleitet von schwarzem fruchtbarem Moorboden, allerlei Flüssen und Bächen, oft zusammen mit dem Heidschnuckenweg, sowie ausgehobenen Drainagekanälen. Leider war die Heide schon verblüht, nur vereinzelt waren in der Severloher Heide noch typisch rotviolette Sträucher zu sehen, die erahnen lassen wie toll die Heide in der Blütezeit leuchtet.

Dafür zeigten sich Pilze in Hülle und Fülle, außerdem Heidel- und Preisselbeeren. Vorbei ging es an herrlichen Dreiseitenhöfen, aus Fachwerken mit Backstein ausgemauert. Viele Schießtrophäen wiesen auf ehemalige Schützenkönige hin. Die heimischen Landwirte waren mit Erntearbeiten, Mais und Kartoffeln, beschäftigt. Die im Vorfeld genannten Wegstrecken mussten nach Bewältigung ausnahmslos nach oben korrigiert werden, zum Beispiel waren es statt ca. 25 km dann doch 29 km. Eine Pilgerweisheit machte dann schnell die Runde: „Mit allen Blasenpflastern aus unseren Rucksäcken könnte man die ganze Straße zupflastern!“ Einmal wäre fast ein euphorischer Vogelkundler mit dem Fahrrad in unsere Gruppe gerast, er hatte einen seltenen weißen Kranich entdeckt und folgte ihm in rasanter Fahrt. Vom Übungsgelände der Bundeswehr drang am späten Vormittag oft Kanonenfeuer aus Panzern herüber, man gewöhnte sich daran. Die schöne idyllische Heide war nicht immer ein Ort der Harmonie und Zuflucht für Friedliebende, das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen lag am Pilgerweg und erinnerte an dunkle Zeiten. Zwischen einem typischen Pilgeressen in einer Lutherischen Pilgermission und einigen opulenten Abendmahlzeiten „à la carte“ in feineren Restaurants lag die ganze Bandbreite kulinarischer Erlebnisse. Andere Pilger waren nicht zu sehen, dafür viele Pferde, auch Kaltblütler für Kutschenfahrten.

Am Ortsrand von Eschede querte die Gruppe über einer Brücke die ICE-Strecke nach Hamburg. Dort ereignete sich 1998 der schwerste Unfall eines Hochgeschwindigkeitszuges weltweit. 101 Menschen starben, 88 wurden teils schwer verletzt. Noch heute schockierend!

Nach der Übernachtung in einer weitläufigen Klosteranlage führte der Weg nach Celle. Die Stadt beeindruckte mit seiner pittoresken Altstadt und dem größten Fachwerkensemble der Welt. Das älteste Haus wurde um 1480 errichtet. Wenn man durch die Gassen schlendert fühlt man sich ins Mittelalter zurück versetzt. Viele Weisheiten verzieren die Balken der Häuserfassaden, wie zum Beispiel: „Allen, die mich kennen, wünsche ich doppelt so viel als sie mir gönnen” oder “Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!”

Emotionale Höhepunkte erlebten wir in der barocken Stadtkirche St. Marien in Celle. Wegen einer bevorstehenden Messe war eine Besichtigung nicht erlaubt. Als der Küster uns als Pilger erkannte, meinte er, “Pilger gehören zur Kirche” und führte uns, unter Beachtung der Hygieneregeln, in einen Nebenraum, wo wir unseren täglichen Impuls abhalten und ein Lied singen durften, begleitet mit gefühlvoller Orgelmusik im Hintergrund der sich einspielenden Organistin.

In Altencelle öffnete uns der im Nebenhaus wohnende Pfarrer die evangelisch-lutherische und denkmalgeschütze Gertrudenkirche mit ihrem imposanten Flügelaltar und geschnitztem Relief. Spontan forderte uns der sehr aufgeschlossene und über unseren Besuch sichtlich erfreute Pfarrer zu einem Kanon “Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang …” auf. Erstaunlich, es hörte sich nicht nur gut an, es tat auch gut.
Die typischen Heidschnucken waren Mangelware, dafür versperrten plötzlich vier ausgewachsene Bullen mit stattlichen Hörnern den Weg nach Wietze. Hier bohrte man zu Kaiser´s Zeiten nach Erdöl, deshalb auch „Klein – Texas“ genannt. Der Spruch auf einem Bauernhof in Winsen/Aller begleitete uns nach 10 erlebnisreichen Tagen wieder nach Haus zurück: °Nord… Ost… Süd… und West… To Hus is am Best.“
( Wenn auch die Pilgerreise in den Norden eher praktischen Corona Überlegungen geschuldet war, so hat sie doch den Mitpilgern einen Landstrich eröffnet, der mit dem mediterranen Süden Frankreichs nicht zu vergleichen ist.
Le Puy ist nicht Celle. Trotzdem war es auch diesmal wieder ein unvergessliches Erlebnis, das wieder lange in Erinnerung bleiben wird. )
Bon Camino, bis zum nächsten Jahr.

Text: Christian Fuchs und Karl Hofstätter

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